Bitte nie räuspern!

Die wichtigste Maßnahme, um Stimme und Auftreten positiv zu beeinflussen: die richtige Körperhaltung. Die Logopädin und Atempädagogin Rosemarie Seitz beschreibt den Anteil der Stimme am Erfolg und wie man sie pflegt.

Welchen Anteil am persönlichen Erfolg hat die Stimme?
Einen großen. Wer spricht, vermittelt dem Gegenüber eine Mischung aus Informationen. Sinninhalte eines Gesprächs werden nur 7 Prozent durch Worte, 38 Prozent durch den Klang der Stimme und 55 Prozent durch die Körpersprache vermittelt.

Und welche Informationen sind es, die die Stimme transportiert?
Klingt eine Stimme müde, ist der Sprecher tatsächich müde. Klingt sie angespannt, ist er überspannt. Die Stimme, die aus einem „wohlgestimmten Körper“ kommt, bei der man nicht zu viel oder zu wenig Energie einsetzt, erfrischt sogar den Sprecher und gleichermaßen den Zuhörer. Auch wenn man ökonomisch spricht, braucht man eine stimmige Körperspannung und eine Körperhaltung, bei der die Kehle nicht „einklemmt“ wird und dadurch unter Druck steht. Das gilt vor allem für das Telefonieren, das sich schnell stimmbelastend auswirken kann. Die Kehle klingt frei, wenn die Kraft der Stimme aus dem unteren Rücken kommt und durch die Aufrichtung der Wirbelsäule, vor allem der oberen Halswirbelsäule, als Stimmenergie dem Sprecher zur Verfügung steht.

Man kann also die Stimme und damit die Wirkung der eigenen Person auf das Gegenüber durch die Körperhaltung beeinflussen.
Richtig. Die Stimme ist als Spiegel der Stimmung Information für den Zuhörer, die Zuhörerin und für den Sprecher selbst. Die wichtigste Maßnahme, um die eigene Stimme und damit das eigene Auftreten sofort positiv zu beeinflussen, ist die Körperhaltung: Fußbodenverwurzelung, die Knie nicht durchdrücken, das Hinterhaupt aufrichten und sich dadurch auch stimmlich „behaupten“.

Was haben die Knie mit der Stimme zu schaffen?
Wenn man die Kniekehlen durchdrückt, setzt man die Kehle unter Druck.

Das ist nicht nur ein Wortspiel?
Probieren Sie es aus! Sie werden merken: Die durchgedrückten Kniekehlen drücken auf die Kehle und blockieren den Atem. Die optimale Haltung haben Sie, wenn Ihre obere Halswirbelsäule aufgerichtet ist - bei lockerem Schulter-Nackenbereich. Wenn Sie Stress haben und „zu viel am Hals haben“, sollten Sie mit den Füßen zum Boden spüren. Dies beruhigt, Tiefatem stellt  sich ein. Sie können sich dadurch entschleunigen, besser konzentrieren und klingen bodenständig und überzeugend.

Wie kann man das Rüberkommen noch positiv beeinflussen?
Nicht zu schnell sprechen, Atem und Sprechpausen zulassen! Mit Punkt und Komma sprechen, ist für den Sprecher wichtig, es bedeutet aber auch Fürsorge für den Hörer. Ein Sprecher mit einem angenehmen Sprechtempo beruhigt sich selbst - aber auch den Hörer.

Studierende sind aber nun mal zumeist einer enormen Anspannung ausgesetzt. Da kann man doch nicht immer cool bleiben.
Gerade in Prüfungssituation ist es wichtig, nicht auch noch unnötig Energie fürs Sprechen zu verbrauchen. Stimme braucht Energie – mühelose Stimmgebung gibt Energie. Am besten langsam artikulieren, dann hat man auch Zeit besser nachzudenken und wird mühelos und besser verstanden. Und beim Sitzen hilft es sehr, die Sitzknochen zu spüren, aufgerichtet zu sitzen. Das untere Stockwerk, d. h. Füße und Becken spüren, nicht das obere, das frei und ohne Anspannung und Kehldruck sein sollte!!

LehrerInnen erleben erwiesenermaßen am Anfang und am Ende ihrer Laufbahn die größte stimmliche Belastung. Was lässt sich da machen?
Unterrichten ist ein stimmlicher Marathonlauf. Aber kein Marathonläufer geht unvorbereitet an den Start. Und so sollten auch Lehrerinnen und Lehrer jeden Morgen was für die Stimme tun.

Was?
Schon auf Fahrt im Auto sich stimmlich aufwärmen: Summen und gleichzeitig kauen. Wie ein Pferd schnauben, Lippenflattern mit Stimme. Gähnen, mit oder ohne Stimme, weitet die Kehle - eine der besten nonverbalen Übungen. Schultern kreisen und dazu summen, Zunge kreisen hinter den locker geschlossenen Lippen, ein „M“ tönen ...

... und immer wieder mal räuspern, wie es die meisten tun?
Bitte auf keinen Fall räuspern! Beim Räuspern knallen die Stimmlippen aufeinander und reiben wie Schmirgelpapier aneinander. Dabei wird Schleim wegtransportiert, es wird aber auch Schleim nachproduziert, zäher Schleim. Am besten Sie trinken genügend, am besten neutrales, nicht zu kaltes Wasser. Versuchen Sie auch einfach locker weiterzusprechen, zu schlucken, zu trinken, Halspastillen zu verwenden. Prinzipiell ist Verschleimung auch ein Zeichen für „unter Druck stehen“, zu wenig Trinken – oder eine Erkältung -  und eine Chance, darauf zu reagieren.

Die meisten Studierenden geben sich eh die Kanne – die Kaffeekanne.
Schlecht! Genauso wie schwarzer Tee. Der Kaffe kann sehr stark durchbluten, der Blutdruck steigt, man wird aufgeregt und ist es ja eh schon, dadurch wird die Körperspannung sehr hoch, was wieder die Stimme belastet. Und schwarzer Tee trocknet aus.

Milch?
Milch kann verschleimen. Man spricht dann gegen einen schweren Schleim an. Trinken Sie doch einfach Wasser!

Ist Schoki essen ok?
Schokolade kann durch den Zucker stark reizen. Und Nüsse machen oft ein raues Gefühl.

Studentenfutter ist also eher kein gutes Futter für Studenten?
Besser, Sie nehmen vor großem Stimmeinsatz Lutschpastillen. Möglichst zuckerfreie und ohne Menthol – auch das kann austrocknen.

Und wenn eine Klasse lärmt? Da muss man doch laut werden.
Prinzipiell nie gegen Lärm ansprechen! Es ist viel energiesparender, wenn der Lehrer reduziert spricht, das aber zielgerichtet. Er muss nicht nur die erste Reihe erreichen wollen sondern auch die letzte. Und sprechen Sie nicht mit Druck! Das ist wie Autofahren mit angezogener Handbremse.

Wie stimmt man sich auf Prüfungssituationen ein?
Ankommen wollen und verstanden werden wollen! Und bedenken Sie: Auch der Prüfer muss sich wohl fühlen! Wenn man stimmig spricht, mühelos und klangvoll, mit guter Sprechmelodie mit Höhen und Tiefen, dann macht das beschwingt – beide Seiten.

Wenn das viele Reden dann doch anstrengt, ist man froh, wieder allein vor dem Computer zu sitzen oder einfach zu korrigieren.
Das ist ein Trugschluss. Ich höre oft Lehrer sagen: Ich korrigiere so viel, ich bin heiser. Das liegt daran, dass sie sich im Hals- und Nackenbereich verspannen, nach längerer Zeit körperlich wirklich „durchhängen“ und somit eine stimmbelastende Körperhaltung eintrainieren. Man sollte während der Schreibtischarbeit immer wieder aufstehen, den Halsrücken durchmassieren, um das muskuläre System, das es auch für die Stimme braucht, zu lockern.

Dann geht auch die Arbeit am Laptop auf die Stimme?
Klar. Der Laptop macht, dass bei entsprechender Kopfhaltung die Halswirbelsäule einknickt. Damit die Kehle frei bleibt, muss aber die obere Halswirbelsäule gut aufgerichtet sein. Auch wenn ich nicht spreche, trainiere ich am Laptop die falsche Haltung ein. Geradeaus schauen, das ist optimal. Meistens aber ist der Schirm zu tief. Ihn in einen stumpfen Winkel stellen, hilft schon ein bisschen. Aber wenn man müde wird, fällt man meistens automatisch in den Rücken, „hängt wirklich durch“ knickt eben auch die Halswirbelsäule ab. Die Durchblutung des Kopfes, die Atmung und somit die Konzentration werden erschwert. Dann heißt es wiederum: aufrichten, von unten nach oben, Füße gut auf dem Boden, die Sitzknochen als Sitzbasis „einsetzen“!

Wohl dem, der einen massagewilligen Partner zur Hand hat.
Ach, man kann sich auch allein gut durchkneten und die Schultern durchbewegen. Wenn's ganz schlimm wird, sollte man allerdings einen Physiotherapeuten aufsuchen. Viele Ärzte wissen nur leider nichts vom Zusammenhang zwischen Verspannung und Stimme und schrecken davor zurück, Massagen zu verschreiben. Aber die Kehle ist nun mal nur frei bei einem freien Nacken und einer guten Körperhaltung - und wenn die Kraft der Stimme aus dem unteren Rücken kommt.